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Die Geschichte der Gemeinde St. Martin

Dass in Heiligenstadt, der Hauptstadt des katholisch geprägten Eichsfelds, eine große und aktive Kirchengemeinde existiert, ist insbesondere eine Folge von zwei politischen Ereignissen: Der Machtübernahme Preußens im Eichsfeld 1802 und die mit dem Ende des 2. Weltkriegs einsetzende Vertreibung von vielen evangelischen Deutschen aus Schlesien, Ostpreußen und Böhmen.

Die Gemeinde von 1804-1904

Im Jahre 1802 ging das Eichsfeld von Kurmainz in den Besitz Preußens über. Heiligenstadt wurde der Verwaltungssitz der Region, dessen Beamte zum großen Teil der evangelischen Kirche angehörten. Im September 1803 verfügte der preußische König, dass die Kirche des aufgehobenen Martinsstifts den meist zugezogenen Evangelischen, von denen 1802 23 gezählt wurden, überwiesen werden solle. Am 1. Januar 1804 um 11 Uhr riefen die Glocken zum ersten Male die evangelischen Christen, deren Zahl durch die preußische Verwaltung wohl auf knapp 100 gestiegen war, zum festlichen evangelischen Gottesdienst in diese Kirche.

Die evangelische Gemeinde lutherischen Bekenntnisses wuchs in den Folgejahren langsam, aber stetig. Im Dezember 1810 gehörten bereits 347 Gemeindeglieder zu St. Martin, und Ende 1834 waren von 3.785 Einwohnern Heiligenstadts immerhin 676 evangelisch. Im Oktober 1872 werden 734 Evangelische gezählt und erstmals bereits 60 gemischte Ehen genannt. In der Zeit des industriellen Aufschwungs in Deutschland nach 1870 wurden in Heiligenstadt einige Zigarrenfabriken angesiedelt, deren zugezogene Arbeiter oft aus evangelischen Gebieten stammten. Im Jahr 1905 lebten in Heiligenstadt 7.955 Einwohner, von denen 1.162 das evangelische Bekenntnis vertraten (14,6%). Zur Kirchengemeinde Heiligenstadt gehörte auch die so genannte Diaspora mit 28 Ortschaften rund um die Stadt, in denen aber jeweils nur wenige Protestanten wohnten. In preußischer Zeit war St. Martin nicht nur eine evangelische Stadtgemeinde, sondern zugleich Sitz eines Konsistoriums.

Neben dem leitenden Generalsuperintendenten wurde ab 1845 eine zweite Pfarrstelle für die wachsenden Aufgaben in der Gemeinde geschaffen, die ein Diakonus übernahm. Die zuvor nur einklassige evangelische Schule wurde ab 1866 auf drei Klassen erweitert und ein zweiter Lehrer angestellt. Über 100 Schüler wurden in dem heutigen Küsterhaus am Friedensplatz unterrichtet, von denen ein Teil im „Jünglingsheim“ wohnte, dem heutigen Gemeindehaus.

Prägend für die Zeit des Übergangs ins 20. Jahrhundert war der insgesamt 42 Jahre als Generalsuperintendent amtierende Hilmar Kulisch, der erstmals in Heiligenstadt den Beitrag der evangelischen Kirche an der aufbrechenden sozialen Frage thematisierte. Im Jahr 1904 feierte die Gemeinde mit verschiedenen Festveranstaltungen und Ausstellungen ihr 100jähriges Bestehen, das auch auf einer Postkarte verewigt wurde. 

Die Gemeinde von 1904-1945

In den unruhigen Jahren des 1. Weltkriegs, des Endes der deutschen Monarchie und der Weltwirtschaftskrise leitet Gotthard Rauch von 1914-1926 die Superintendentur. Sein Nachfolger wird von 1926-1947 Ludolf Müller, der bei seinem Antritt immer noch eine stark von Beamten und Kaufleuten geprägte Gemeinde vorfindet. Zu seinen Hauptaufgaben gehörte der vom Gustav-Adolf-Werk unterstützte Bau der Christus-Kirche in Uder, die 1928 eingeweiht wird, und die Errichtung einer Gemeindeschwesternstation, die Schwester Marie Meyer aus dem Diakonissenhaus Halle übernimmt. 

Superintendent Ludolf Müller muss sich mit dem heraufziehenden Nationalsozialismus auseinandersetzen, der in Gestalt der „Deutschen Christen“ auch die evangelische Gemeinde  in Heiligenstadt beeinflussen will. Sein bewusstes Eintreten gegen diese Einflüsse im Eichsfeld und in der gesamten Landeskirche führt Sup. Müller bis an die Spitze der Bekennenden Kirche der Kirchenprovinz Sachsen. Anfang 1934 wurde er auf Betreiben der nationalsozialistisch beeinflussten Kirchenleitung in Magdeburg von seinem Amt als Superintendent und Pfarrer in St. Martin entbunden, konnte aber zum Advent 1934 wieder nach Heiligenstadt zurückkehren und die Gemeinde gemeinsam mit Pfr. Hermann Otto Kalkoff leiten.

Die Gemeinde nach 1945

Prägend für die evangelische Gemeinde sind die mit dem Ende der NS-Diktatur verbundenen großen Flüchtlingsbewegungen aus den ehemaligen deutschen Gebieten. Mehr als dreitausend unter großer Not Vertriebene, größtenteils mit evangelischem Bekenntnis, finden in Heiligenstadt und den zur Gemeinde gehörigen Dörfern eine neue Heimat. Bis 1949 steigt die Zahl der Gemeindeglieder auf über viertausend an. In dieser für die Gemeindearbeit so wichtigen Zeit sind beide Pfarrstellen unbesetzt, da Sup. Ludolf Müller zum Bischof der Kirchenprovinz Sachsen gewählt wurde und Pfr. Kalkoff am 9.11.1938 (Kristallnacht!) in Heiligenstadt gestorben ist. Verschiedene Ruheständler und Vertretungen übernehmen den Gemeindedienst, bis 1949 der in Estland aufgewachsene und ebenfalls vertriebene Kurt Schultz als Superintendent und Pfarrer berufen wird. In seiner zwanzigjährigen Zeit als Superintendent von St. Martin werden die evangelischen Angebote der Gemeinde stark erweitert und das ehemalige Jünglingsheim wird zum Gemeindehaus ausgebaut.

In der Zeit nach dem 2. Weltkrieg und während der DDR amtierten als Pfarrer in St. Martin: 

Superintendenten: 

  • Ludolf Müller (1927 bis 1947)
  • Robert Treutler (1949)
  • Kurt Schultz (1949 – 1969)
  • Hans-Martin Lange (1969 – 1993)
  • Martin Herche (1993 – 2001)

Pfarrer: 

  • Otto Decker (1946 – 1954, vorher vertretungsweise)
  • Herbert Hertig (1954 – 1977)
  • Friedrich Meinhof (1978 – 1994)
  • Sylvia Herche (2001- 2002)
  • Christiane Bosse / Ralf Schulz (2002 bis 2014)
  • Johannes Möller (seit 15.08.2015)

Während der politischen Wende 1989 engagierte sich die evangelische Gemeinde bei den Montagsdemonstrationen. Superintendent Lange wurde gemeinsam mit Propst Kockelmann Leiter des Runden Tisches, und Pfr. Meinhof wurde der Präsident des freigewählten Kreistages. Die für die evangelische Kirche veränderte Lage nach der Wiedervereinigung wirkte sich unterschiedlich aus: Einerseits gab es Änderungen in der Verwaltung und bei den Pfarrstellen. Wegen der notwendigen Sparmaßnahmen der Landeskirche wurde 1994 die zweite Pfarrstelle aufgelöst, gleichwohl die Gemeinde in diesen Jahren insbesondere durch den Zuzug von Spätaussiedlern aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion stetig gewachsen ist. Um effektive Verwaltungsabläufe zu ermöglichen, hat sich 1999 der Kirchenkreis Eichsfeld mit den Kirchenkreisen Mühlhausen und Langensalza  vereinigt. Als Sitz des Superintendenten und des Kirchlichen Verwaltungsamtes haben sich die Synoden für Mühlhausen entschieden. Anderseits entstanden für die Gemeindearbeit neue Möglichkeiten. Auch die bereits lange notwendig gewordene Generalsanierung von Kirche, Gemeindehaus und Kirchgarten konnte nun durchgeführt werden.

Von 2002 bis 2014 teilten sich Pfr. Ralf Schultz und Pfarrerin Christiane Bosse die Pfarrstelle der Gemeinde St. Martin. Der erste große Höhepunkt des neuen Jahrtausends war das 2004 gefeierte Jubiläumsjahr zum 200jährigen Bestehen der evangelischen Gemeinde in Heiligenstadt, das mit Festgottesdiensten, Ausstellungen und Vorträgen begangen wurde.

Im Rückblick auf die nun 211jährige Geschichte der evangelischen Gemeinde St. Martin sind wir dankbar für Gottes Bewahrung und Wegweisung, demütig angesichts von Irrwegen und menschlichen Versagen und voller Hoffnung, dass Christus als Herr der Kirche die Gemeinde auch in Zukunft geleiten wird. 

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