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Die Geschichte der Kirche St. Martin |
Nach einer Legende wird Heiligenstadt durch den Merowingerkönig Dagobert I (602-638) als Ort der Verehrung für die beiden Märtyrer Aureus und Justinus gegründet. Bischof Aureus und sein Diakon starben bei der Missionierung und fränkischen Unterwerfung des Thüringerreiches um 531 den Märtyrertod. Sicher ist, dass der erste Kirchbau auf dem heutigen Ort eine Kirche zum Gedächtnis der Gräber dieser beiden Heiligen war. Genau über der Stelle, wo sich ihr Grab befunden hat, sieht man bis heute am Gewölbe der Kirche einen Schlussstein, der ihre beiden Gesichter zeigt. In heutiger Zeit befinden sich die Gebeine und der Grabstein der Heiligen Aureus und Justinus in der Kirche St. Aegidien, wohin sie nach der preußischen Übernahme von St. Martin gebracht wurden.
Die im frühen Mittelalter mit Aureus und Justinus verbundene Kirche zieht in der Folgezeit die Verehrung des Heiligen Martin von Tours an, der der Reichsheilige des fränkischen Reiches war, zu dem Heiligenstadt gehörte. Wahrscheinlich bereits im 8. Jahrhundert trägt die Kirche den Namen St. Martin. In einem Gedicht des Bischofs und Theologen Hrabanus Maurus wird dann um 850 berichte, dass Reliquien des Heiligen Sergius und des Heiligen Bacchus, zwei ehemaligen römischen Soldaten des 2. Jahrhunderts, aus Rom auf dem Altar des Heiligen Martin niedergelegt wurden. Auch wenn historisch nicht mehr genau zu klären ist, ob mit diesem Verweis die Kirche St. Martin in Heiligenstadt oder der Martinsaltar im Mainzer Dom gemeint ist, ist die Kirche St. Martin in Heiligenstadt in der Folgezeit auch mit diesen beiden Heiligen verbunden. Das Hauptportal der bis heute erhaltenen gotischen Kirche zeigt deshalb diese fünf zur Kirche gehörenden Heiligen mit Maria: Unten rechts und links die römischen Soldaten Sergius und Bacchus (ihnen fehlen heute die Köpfe), in der Mitte links Maria mit Christus, in der Mitte rechts den Heiligen Martin (mit einem kleinen Bettler), und ganz oben Aureus als Bischof und Justinus mit den Insignien eines Diakons.
Die frühe einschiffige Saalkirche wird zwischen 847 und 856 durch eine große romanische Kirche ersetzt. Diese Kirche war eine bedeutende Anlage mit Seitenschiffen, einem Querhaus und einer großen Ringkrypta, deren Reste archäologisch nachgewiesen wurden. Um 960 wird durch den Erzbischof Wilhelm von Mainz ein Augustiner-Chorherrenstift in Heiligenstadt gegründet. Heiligenstadt mit der Kirche St. Martin wird in dieser Zeit zum bedeutendsten kirchlichen Zentrum Nordthüringens. Um 973 stellt Kaiser Otto II. eine Urkunde für „Heiligenstat“ aus. Bezeugt ist zudem, dass Otto III. und Friedrich I Barbarossa mehrmals Heiligenstadt und die Kirche St. Martin besuchten. Bei den Grabungen der Jahre 1997-2001 werden Bauten gefunden, die als ein Königshof bzw. eine Kaiserpfalz gedeutet werden können. Um 1100 ist St. Martin ein Archediakonat mit 8 Pfarrereien, zu denen bald noch 7 Klöster treten.
Nach schwerwiegenden, in schriftlichen Quellen genannten Bauschäden an der romanischen Kirche St. Martin wird um 1276 mit dem etappenweisen Umbau und teilweisen Neubau der Kirche begonnen, die nun im gotischen Stil gestaltet wird. Mitte des 15. Jahrhunderts wird dieser Bau nach der für das Mittelalter üblichen Bauzeit von 200 Jahren abgeschlossen. An die Südseite der Kirche gliedert sich ein Kreuzgang mit Konventsgebäuden für die Augustiner-Chorherren an, der noch auf einer Skizze von Heiligenstadt im Jahr 1648 sichtbar ist.
Während der Reformationszeit wird Heiligenstadt und die Kirche St. Martin kurzzeitig evangelisch, nachdem sich der Rat der Stadt dem reformatorischen Gedankengut anschloss. Die sich langsam ausbreitende Reformation wurde aber bald durch die gefestigte politische Zugehörigkeit zum Erzbistum Mainz wieder zurückgedrängt, insbesondere durch die Gründung der Jesuitenschule 1575 in Heiligenstadt. Im 16. und 18. Jahrhundert werden verschiedene Ausstattungsstücke in die Kirche eingebaut, und 1739 beschädigt ein Brand Teile der Kirche. St. Martin ist bis zur Übergabe an die Preußen 1803 die Haupt- und Mutterkirche des Eichsfelds und ein wichtiger Wallfahrtsort, da hier die „Heilige Mutter Gottes vom Elende“ ausgestellt ist, die sich heute in St. Marien (Heiligenstadt) befindet. Den Rang Heiligenstadts als Hauptstadt des Eichsfelds bezeugt auch das barocke Schloss des Statthalters in direkter Nähe der Kirche St. Martin, das heute Sitz des Landrats ist. Nachdem 1803 das Chorherrenstift aufgelöst und die Kirche der evangelischen Gemeinde übergeben wird, werden die meisten wertvollen Ausstattungsgegenstände, Altäre und Reliquien an die katholischen Kirchen des Eichsfelds übergeben. In den Jahren 1862-1866 erfolgen eine umfassende Umgestaltung des Innenraums und seine „Re-Gotisierung“ unter weiterer Beseitigung von Ausstattungsstücken der Kirche. Die Kirchenfenster des Chorraumes, die den preußischen Adler zeigen, sind ein Zeugnis dieser preußischen Umgestaltung.
Der heutige Kirchenbau zeigt deshalb die Vorstellung des 19. Jahrhunderts von einer gotischen Kirche. Während die Kirche St. Martin in gotischer Zeit bunt ausgemalt war (vergleichbar mit St. Jakobi in Göttingen) und viele schmuckvolle Altäre besaß, ist bei der Umgestaltung 1862-1866 jegliche Farbschicht an Säulen und Bögen entfernt und ein nüchternes Altarbild eingefügt wurden. Während der grundlegenden Sanierung in den Jahren 1997-2001 hat man sich dazu entschlossen, nicht den gotischen Orginalzustand der Kirche zu rekonstruieren, sondern die außerordentliche Schönheit der Sandsteinoptik zu erhalten.
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